Nastassja Hofmann, Bereichsleiterin Retail & PropTech bei Bitkom, zählt zu den zentralen Stimmen an der Schnittstelle von Digitalisierung, Immobilienwirtschaft und Energiewende. Mit ihrem Hintergrund in Organisationsentwicklung und Wirtschaftspsychologie sowie langjähriger Erfahrung in der Wohnungs- und Immobilienbranche treibt sie die digitale Transformation konsequent voran – von der Prozessdigitalisierung über Smart Building-Lösungen bis hin zu Smart City-Konzepten.
Im Bitkom setzt sie sich insbesondere für innovationsfreundliche Rahmenbedingungen ein, vernetzt Unternehmen mit Start-ups und begleitet die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle für die Bau- und Immobilienwirtschaft. Ihr Fokus liegt dabei auf der Frage, wie technologische Innovationen dazu beitragen können, die Energie- und Wärmewende im Gebäudesektor effizienter, skalierbarer und praxisnäher umzusetzen.
Im Rahmen unserer Interviewreihe „Gestalter:innen der klimaneutralen Wohnungswirtschaft“ spricht Nastassja Hofmann über die Rolle digitaler Technologien für die Transformation der Branche, über Chancen und Grenzen aktueller Innovationen sowie über die Frage, wie Digitalisierung und erneuerbare Energien zusammengedacht werden müssen, um die Klimaziele im Gebäudesektor zu erreichen.
Frau Hofmann, Sie bewegen sich an der Schnittstelle von Digitalisierung, PropTech und Wohnungswirtschaft: Welche Rolle spielt die Digitalisierung und digitale Souveränität aus Ihrer Sicht für das Gelingen der Energie- und Wärmewende im Gebäudesektor?
Um jedes Gebäude möglichst energieeffizient zu gestalten, brauchen wir vor allem eines: Daten. Digitale Mess-, Steuerungs- und Managementsysteme wie Smart Meter, Gebäudeenergie- und Lademanagementsysteme sowie digitale Steuerungen für Wärmepumpen und Photovoltaikanlagen können diese Informationen – etwa zum Energieverbrauch oder Gebäudezustand – bereitstellen. So wird sichtbar, wo Energie verloren geht, welche Maßnahmen wirtschaftlich sinnvoll sind und wie erneuerbare Energien effizient eingebunden werden können.
Gleichzeitig müssen Wohnungsunternehmen, Eigentümerinnen und Eigentümer, sowie Kommunen darauf vertrauen können, dass ihre Daten sicher verarbeitet werden, Systeme interoperabel sind und sie nicht dauerhaft in proprietären Einzellösungen festhängen. Wir brauchen also offene Schnittstellen, verlässliche Standards und vor allem europäische Anbieter- sowie Datenräume. Wenn Gebäude Teil eines intelligenten Energiesystems werden sollen, muss dieses System sehr resilient, krisenfest und digital souverän sein.
Warum scheitert die Skalierung vieler digitaler und energiebezogener Lösungen in der Praxis noch und was müsste sich ändern? Sehen Sie aktuell eher technologische Defizite oder strukturelle und regulatorische Hürden als Hauptbremse?
Die Technologie ist in vielen Bereichen schon sehr weit: Es gibt leistungsfähige Lösungen für Energiemonitoring, Gebäudeautomation, digitale Zwillinge, vorausschauende Wartung oder intelligente Ladeinfrastruktur. Die eigentliche Bremse liegt häufig in der Umsetzung: Fragmentierte Zuständigkeiten, heterogene Gebäudebestände, fehlende Datenstandards, lange Entscheidungswege und eine Regulierung, die digitale Lösungen nicht immer ausreichend mitdenkt, hemmen den Einsatz in der Praxis.
Gerade in der Wohnungswirtschaft treffen technische, mietrechtliche, energiewirtschaftliche und datenschutzrechtliche Fragen aufeinander. Wer eine digitale Lösung ausrollen will, muss häufig viele Einzelfragen klären, z. B. wer Zugriff auf welche Daten hat, welche Kosten umlagefähig sind oder welche Förderinstrumente zur Verfügung stehen. Diese Komplexität, langfristige Investitionszyklen und dazu mitunter noch langwierige Ausschreibungsprozesse in der kommunalen Wohnungswirtschaft führen dazu, dass gute Pilotprojekte nur langsam in der Fläche ankommen.
Damit digitale Infrastruktur bei Modernisierung, Sanierung und Neubau zum Standard wird, braucht es einen zeitgemäßen rechtlichen Rahmen. Bisher steht in der Gesetzgebung vor allem die Förderung und Umlagefähigkeit der Dämmung, Heizung oder Anlagentechnik von Gebäuden im Fokus. Potenziale der Digitalisierung bleiben außen vor, dabei kann auch die digitale Steuerungsfähigkeit von Gebäuden erheblich zur Energieeinsparung beitragen.
Sie setzen sich für innovationsfreundliche Rahmenbedingungen ein: Wo stehen wir aktuell bei der Regulierung und welche Signale gibt unsere aktuelle Regierung?
Aktuell erleben wir eine Phase der Neuordnung. Die Bundesregierung hat mit den mit dem Gebäudemodernisierungsgesetz angekündigt das bisherige Gebäudeenergiegesetz technologieoffener, flexibler und einfacher weiterzuentwickeln. Gleichzeitig sollen die Klimaziele im Gebäudesektor weiter gelten. Wie das gelingen soll, ist aber bislang unklar.
Es ist wichtig, dass mehr Technologieoffenheit nicht zu Planungsunsicherheit führt. Es braucht weiterhin klare Vorgaben zu Fristen, Effizienzstandards, Förderung und Digitalisierung sowie harmonisierte Gesetze auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene. Das Gebäudemodernisierungsgesetz sollte etwa im Einklang mit den Vorgaben der EU-Gebäuderichtline sein. Andernfalls entstehen Unsicherheiten – und es wächst die Gefahr, dass nationale Regelungen nachträglich erneut an EU-Recht angepasst werden müssen. Die Gesetzgebung muss deshalb digitale Voraussetzungen für Planung, Bau und Betrieb stärker berücksichtigen. Schon die BauGB Novelle bleibt hier hinter den bestehenden Digitalisierungsbedarfen zurück. Parallel sehen wir, dass im aktuellen Entwurf des nationalen Gebäuderenovierungsplans Digitalisierung des Bestands zur Schaffung einer Datengrundlage zwar erwähnt, aber nicht als zentrales Instrument vorgesehen ist. Dabei wäre das die Voraussetzung, um den Renovierungsfortschritt überhaupt messen zu können und Modernisierung im Gebäudesektor zu vereinfachen.
Was müsste sich politisch konkret ändern, damit digitale und erneuerbare Lösungen schneller in die Fläche kommen?
Es braucht einen klaren Fahrplan, der Anforderungen für Bestandsgebäude eindeutig definiert, Fördermaßnahmen frühzeitig konkretisiert und realistische Fristen setzt. Digitale Technologien leisten einen wichtigen Beitrag zur effizienten Modernisierung und sind bereits als Bestandteil der EU-Gebäuderichtlinie vorgesehen. Für einen verlässlichen Modernisierungsrahmen ist ein klar definierter Mindeststandard digitaler Betriebsführung notwendig. Dazu braucht es auf Verwaltungsebene eine digitale Gebäudeakte, die Informationen zu einem Gebäude zur Verfügung stellt. Darüber hinaus braucht es verpflichtende Automation für größere Gebäude und kontinuierliches Energiemonitoring. Der digitale Bauantrag muss zum Standard werden, um Genehmigungszeiten zu verkürzen. Außerdem müssen die Modernisierungs- und Betriebskostenumlage, die eine Weitergabe entstehender Kosten durch Vermieter an Mieter regelt, gesetzlich neu gefasst werden. So wären digitale Technologien, insbesondere deren laufende Kosten z.B. für eine Energie-Monitoring Software, besser finanzierbar.
Wenn wir zehn Jahre vorausblicken: Wie sieht eine digitalisierte, klimaneutrale Wohnungswirtschaft im Idealfall aus?
Im Idealfall sind in zehn Jahren viele Neubauten keine „Einzelstücke“ mehr, sondern werden seriell und modular mithilfe von BIM-Anwendungen gebaut. Diese sollten in wenigen Stunden digital beantragt und genehmigt werden. In einem solchen Szenario verfügen die meisten Bestandsgebäude außerdem über einen digitalen Zwilling: Dieser ist Grundlage für einen effizienten Gebäudebetrieb, weil dort zusätzlich Energie- und Wartungsdaten in Echtzeit abgerufen werden können. Beispielsweise könnten so Sanierungsprojekte weniger effizienter Anlagen priorisiert werden. Zielsetzung ist die weitgehende Elektrifizierung der Gebäudeenergie und durch Sektorkopplung können Energieflüsse effizient gesteuert werden. Aus einer eigenen Studie von 2024 wissen wir, dass Digitalisierung im Gebäudesektor bis zum Jahr 2030 ein Energieeinsparpotenzial von bis zu 18,3 Mio. Tonnen CO₂ hatte. Davon sind wir leider noch weit entfernt und es wäre ein Fehler, jetzt Tempo rauszunehmen. Entscheidend ist dabei: Digitalisierung muss den Menschen dienen. Sie soll Wohnen nicht komplizierter machen, sondern bezahlbarer, effizienter und transparenter. Wenn uns das gelingt, wird die Wohnungswirtschaft nicht nur Empfänger regulatorischer Vorgaben sein, sondern aktiver Treiber der Energie- und Wärmewende.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Hofmann.