Aygül Özkan gehört zu den prägenden Stimmen der deutschen Immobilienwirtschaft und steht seit 2020 an der Spitze des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA), dem Spitzenverband der Branche. Der ZIA vertritt die Interessen der gesamten Immobilienwirtschaft und setzt sich für verlässliche politische Rahmenbedingungen, mehr Investitionen sowie die nachhaltige Transformation des Gebäudebestands ein.
Die Juristin verfügt über langjährige Erfahrungen an der Schnittstelle von Politik und Wirtschaft. Vor ihrem Wechsel zum ZIA war sie unter anderem Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit, Bau und Integration in Niedersachsen sowie in verschiedenen Führungspositionen in der Privatwirtschaft tätig. In ihrer heutigen Rolle setzt sie sich insbesondere für bessere Rahmenbedingungen für Wohnungsbau, Investitionen, die nachhaltige Transformation des Gebäudebestands und die Digitalisierung der Branche ein.
Im Rahmen unserer Interviewreihe „Gestalter:innen der klimaneutralen Wohnungswirtschaft“ haben wir mit ihr über die Rolle der Immobilienwirtschaft bei der Energiewende, die Bedeutung verlässlicher politischer Rahmenbedingungen sowie die Herausforderungen und Chancen einer nachhaltigen und wirtschaftlich tragfähigen Transformation des Gebäudesektors gesprochen.
Frau Özkan, die Immobilienwirtschaft steht vor der Herausforderung, Klimaneutralität, Wohnraummangel und wirtschaftlichen Druck gleichzeitig zu bewältigen. Wie erleben Sie die Stimmung in der Branche?
Die Stimmung ist derzeit angespannt, fast schon im Krisenmodus. Viele Unternehmen würden gern investieren, neu bauen und modernisieren, aber die Rahmenbedingungen geben das nicht her. Hohe Baukosten, schwierige Finanzierungsbedingungen, Unsicherheiten und komplexe Vorgaben führen dazu, dass Projekte verschoben oder überhaupt nicht realisiert werden. Wir haben einen Riesenbedarf an neuen Wohnungen und gleichzeitig wird so wenig fertiggestellt wie seit 2012 nicht mehr.
Klimaschutz, Investitionsfähigkeit und bezahlbares Wohnen stehen häufig in einem Spannungsverhältnis. Wie kann dieser Dreiklang aus Ihrer Sicht gelingen?
Der Schlüssel liegt doch darin, die Themen zusammenzudenken: Klimaschutz im Gebäudebereich funktioniert nur, wenn er wirtschaftlich tragfähig ist. Was die Mieter:innen finanziell richtig schmerzt, ist oft gar nicht die Kaltmiete, sondern es sind die Nebenkosten. Diese Nebenkosten sind in den Jahren ungleich stärker gestiegen. Deshalb dürfen wir den Blick auf die Warmmiete nicht verlieren: Energetische Sanierungen verteuern zwar oft die Kaltmiete, senken aber im Idealfall die Heizkosten, sodass die Gesamtbelastung stabil bleibt. Wir sehen an Beispielen aus der Praxis, dass dieser Ausgleich funktionieren kann.
Sie kennen sowohl die politische als auch die wirtschaftliche Perspektive. Welche Rahmenbedingungen braucht die Immobilienwirtschaft aktuell am dringendsten? Wo erleben Sie bei Unternehmen derzeit die größte Verunsicherung? Welche Signale erwarten Sie von der neuen Bundesregierung?
Was die Branche am meisten braucht, ist Verlässlichkeit und zwar über Legislaturperioden hinaus. Investoren müssen wissen, dass sich Förderprogramme, gesetzliche Vorgaben und Zielpfade nicht ständig ändern. Die größte Verunsicherung herrscht derzeit genau dort: bei der Frage, welche Regeln langfristig gelten und ob sich Investitionen von heute auch morgen noch rechnen.
In dem Zusammenhang ist gerade die Debatte über Vergesellschaftung von Wohnraum extrem schädlich. Durch eine Vergesellschaftung würde nicht eine einzige Wohnung mehr geschaffen, aber das Vertrauen für Investoren in die Rechtssicherheit unseres Wirtschaftsstandorts zerstört werden. Es freut mich, dass sich die Bundesregierung mittlerweile klar dazu positioniert hat. Jetzt kommt es darauf an, dass aus dem Beschluss des Koalitionsausschusses schnell ein konkretes Gesetz wird.
Wenn Sie heute eine politische oder regulatorische Maßnahme sofort umsetzen können, um die klimaneutrale Transformation des Gebäudesektors entscheidend voranzubringen, welche wäre das?
Der Schlüssel zur Klimaneutralität liegt nicht im Neubau, sondern im Bestand. Und hier müssen wir die Sanierungsquote deutlich erhöhen. Derzeit liegt sie unter 0,7 Prozent, nötig wären mindestens zwei Prozent. In meinen Augen ist die entscheidende Hürde weniger die mangelnde Bereitschaft, sondern die fehlende Planungssicherheit.
Ich würde eine langfristig verlässliche und auskömmliche Förderkulisse für den Gebäudebestand schaffen. Wenn Eigentümer Planungssicherheit haben – etwa über zehn oder fünfzehn Jahre hinweg – und Förderprogramme nicht ständig neu justiert werden, entsteht eine Investitionsdynamik. Ergänzend würde ich bürokratische Hürden radikal reduzieren, etwa bei Genehmigungen für energetische Maßnahmen oder den Einbau erneuerbarer Energien.
Außerdem würde ich die Vorgaben so gestalten, dass die öffentliche Hand als Immobilieneigentümer beherzt vorangeht und ihren Bestand zielgerichtet saniert.
Sie haben sich in Ihrer Laufbahn immer wieder mit gesellschaftlichen Fragen und dem Zusammenhalt beschäftigt. Welche soziale Verantwortung trägt die Immobilienwirtschaft bei der Transformation?
Wohnen ist kein beliebiges oder austauschbares Gut, sondern eines unserer zentralen Grundbedürfnisse. Alle Beteiligten, die Immobilienwirtschaft eingeschlossen, tragen deswegen eine enorme soziale Verantwortung.
Die Transformation darf nicht dazu führen, dass Menschen sich Wohnen nicht mehr leisten können. Glauben Sie mir bitte, wenn ich sage: Unsere Mitglieder haben die sozialen Belange im Blick. Mein eigener Werdegang zeigt das ebenfalls, denn als Ministerin für Soziales war ich auch für das Bauen zuständig.
Aktuell stehen mehrere Gesetzgebungsverfahren aus (Gebäudemodernisierungsgesetz, Erneuerbare-Energien-Gesetz, Netzpaket). Welche Auswirkungen haben die geplanten Maßnahmen auf die Mieter:innen in Mehrfamilienhäusern?
Die Auswirkungen auf Mieter:innen hängen vor allem davon ab, ob die neuen Regelungen Investitionen erleichtern oder erschweren, also z. B. Sanierungen unterstützt werden oder nicht. Auch hier geht es wieder um Verlässlichkeit: Wohnungsunternehmen und Eigentümer von Gewerbeimmobilien brauchen klare und verlässliche Rahmenbedingungen, um in Sanierung, neue Heizsysteme und klimafreundliche Energieversorgung zu investieren. Wenn Gesetze und Förderinstrumente gut aufeinander abgestimmt sind, profitieren Miet:innen von modernen Gebäuden und geringerem Energiebedarf der Gebäude, in denen sie leben und arbeiten.
Wenn wir auf das Jahr 2045 schauen: Woran erkennen wir, dass die Immobilienwirtschaft ihre Klimaverantwortung erfolgreich wahrgenommen hat?
Wir werden es daran erkennen, dass Gebäude nicht mehr Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sind. Dass sie kaum noch Emissionen verursachen und Energie effizient nutzen. Dass Quartiere vernetzt sind und Infrastruktur intelligent eingebunden ist.
Aber auch daran, dass Menschen weiterhin gut und bezahlbar wohnen können. Klimaneutralität darf kein Luxus sein. Wenn wir 2045 sagen können: Wir haben unsere Klimaziele erreicht, ohne den sozialen Frieden zu gefährden, dann war die Transformation erfolgreich.
Was wünschen Sie sich persönlich für die Branche in den kommenden zehn Jahren?
Ich wünsche mir Mut und Zuversicht. Die Branche hat enormes Potenzial, Innovationstreiber zu sein – technologisch, ökologisch und sozial. Dafür braucht es weniger Angst vor Veränderung und mehr Gestaltungswillen.
Und ich wünsche mir einen echten Schulterschluss zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Wenn wir es schaffen, die großen Herausforderungen gemeinsam anzupacken, dann kann die Immobilienwirtschaft nicht nur Probleme lösen, sondern Zukunft gestalten.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Özkan.