Interview mit Ursula Heinen-Esser, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie e. V.

Ursula Heinen-Esser gehört zu den prägenden Stimmen der deutschen Energie- und Klimapolitik. Als Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie e. V. (BEE) vertritt sie die Interessen der gesamten Erneuerbaren-Branche von Solar- und Windenergie über Bioenergie bis hin zu Geothermie und Wasserkraft. Der BEE bündelt die Expertise zahlreicher Fachverbände und setzt sich für einen konsequenten Ausbau erneuerbarer Energien als Grundlage einer klimaneutralen Energieversorgung ein.

Die Volkswirtin, ehemalige Staatssekretärin und Landesministerin bringt langjährige Erfahrung an der Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und Verwaltung mit. In ihrer heutigen Funktion begleitet sie die energiepolitischen Weichenstellungen der Bundesregierung aktiv und setzt sich für verlässliche Rahmenbedingungen ein, um den Ausbau erneuerbarer Energien zu beschleunigen.

Im Rahmen unserer Interviewreihe „Gestalter:innen der klimaneutralen Wohnungswirtschaft“ sprechen wir mit Ursula Heinen-Esser über die Rolle erneuerbarer Energien im Gebäudesektor, die Elektrifizierung der Wärmeversorgung, den Ausbau von Photovoltaik und Speichern sowie die politischen Voraussetzungen für eine klimaneutrale und bezahlbare Wohnungswirtschaft.

 

Die Bundesregierung hat in den vergangenen Monaten zahlreiche energiepolitische Vorhaben angekündigt und umgesetzt. Wie bewerten Sie die aktuelle Ausrichtung der Energiepolitik insgesamt?

Wir sind mit der Energiewende tatsächlich an einem Wendepunkt angekommen: Erneuerbare liefern im Strommix inzwischen knapp 60 Prozent des erzeugten Stroms. Sie sind der Taktgeber im System,das muss sich auch in der Gestaltung des Energiesystems  widerspiegeln. Dazu zeigen die Energiekrisen der vergangenen Jahre ganz deutlich, dass der Import fossiler Energieträger uns ohne Not angreifbar macht  – wirtschaftlich, aber auch geopolitisch. Es ist nicht nachvollziehbar, dass die Energiepolitik diesen Punkten so wenig Rechnung trägt, besonders angesichts des immer klarer erkennbaren Klimawandels und seiner Folgen wie zunehmende Extremwetterereignisse und Niedrigwasser in den Flüssen. Deshalb sehen wir die aktuelle Ausrichtung der Energiepolitik kritisch. Sie bremst den Ausbau der Erneuerbaren mit Verweis auf hohe Kosten und die überforderten Netze aus, statt den weiteren Ausbau mit mehr Flexibilitäten wie Speichern oder Elektrolyseuren und mehr Digitalisierung in den Netzen zu flankieren und damit Kosten zu senken. 

 

Welche politischen Entscheidungen werden aus Ihrer Sicht in den kommenden Jahren darüber entscheiden, ob Deutschland seine Klimaziele im Gebäudesektor erreicht?

Private Haushalte verbrauchen zwei Drittel ihrer Energie allein für Raumwärme. Das zeigt die große Bedeutung, die politische Entscheidungen in diesem Bereich haben, sowohl für das Klima als auch für den Lebensalltag der Menschen. Insofern ist es wichtig, dass die Politik die Entscheidung der Menschen hin zu erneuerbaren Wärmetechnologien entschlossen unterstützt. Wärmepumpen sind eine nachhaltig kostengünstige Art zu heizen. Ihr Erfolg ist aber auch auf die Förderung durch die Regierung zurückzuführen. Gleichzeitig muss die Politik die Lebenswirklichkeit der Menschen im Blick haben. Dass im GModG [Anm. d. Red.: Gebäudemodernisierungsgesetz] die Zertifizierungspflicht für kleinere und mittlere Holzheizungen entfällt, die für viele Menschen im Land wichtige Heizquellen sind, ist ebenso sinnvoll wie die Kontinuität im Bereich von Hybrid-Wärmepumpen. 

 

Die Wohnungswirtschaft wünscht sich mehr Planungssicherheit. Wo besteht aus Ihrer Sicht derzeit der größte politische Handlungsbedarf? Was müsste die Bundesregierung kurzfristig ändern, damit Investitionen in Photovoltaik, Wärmepumpen und Speicher deutlich schneller umgesetzt werden können?

Wichtig sind klare Leitlinien und echte Technologieoffenheit. Die Unsicherheit, die die Regierung in den vergangenen Monaten im Bereich von Wärmepumpen und Photovoltaik ausgelöst hat, war zweifelsohne investitionsschädlich. Außerdem wird das große Potenzial von Speichern nach wie vor nicht ausreichend genutzt. Hier muss der Gesetzgeber handeln und die Integration von Speichern ins Energiesystem vorantreiben, statt reflexartig auf fossile Lösungen für die Absicherung der Stromversorgung zu setzen. 

 

Photovoltaik entwickelt sich zunehmend von einer Einzelmaßnahme hin zu einem integralen Bestandteil im Gebäudesektor. Welches Potenzial sehen Sie insbesondere in Mehrfamilienhäusern?

Photovoltaik ist die niedrigschwelligste und laut Umfragen am breitesten akzeptierte Technologie der Erneuerbaren, besonders auf Dächern und an Gebäuden. Hier ist auf jeden Fall noch großes Potenzial für den Zubau. Damit meine ich nicht nur Balkonkraftwerke, sondern auch Anlagen, die die gesamte Hausgemeinschaft mit Energie versorgen, zum Beispiel für Wärmepumpen, die nicht nur Wärme liefern, sondern auch kühlen können. Die heißen Sommer, die wir immer häufiger erleben, werden unsere neue Normalität sein. Darauf müssen wir uns frühzeitig vorbereiten.

 

Die Wärmewende gilt als eine der größten Herausforderungen der Energiewende. Wo steht Deutschland aus Ihrer Sicht heute?

Immer noch am Anfang. 2024 wurden in knapp 74 Prozent der Neubauten Erneuerbare als primäre Energiequelle für das Heizen genutzt, 2014 lag der Anteil noch bei 38,5 Prozent. Diese sehr positive Entwicklung ist natürlich mit Förderung für den Einbau von Wärmepumpen unterstützt worden, aber Wärmepumpen setzen sich auch deshalb durch, weil sie effizient und kostengünstig heizen. Die Veränderungen im Bestand sind sehr viel träger: Laut den Zahlen vom letzten Zensus haben 2022 im Bestand noch knapp 54 Prozent der Haushalte mit Gas und rund ein Viertel mit Öl geheizt. Wir können davon ausgehen, dass die Zahlen sich inzwischen verbessert haben. Aber es ist noch ein langer Weg, bis wir auch nur in die Nähe einer echten Wärmewende kommen.

 

Immer häufiger wird von einer intelligenten Verzahnung von Photovoltaik, Wärmepumpen, Batteriespeichern und Ladeinfrastruktur gesprochen. Wie wichtig ist dieses Zusammenspiel für das Energiesystem der Zukunft?

Die Sektorenkopplung ist ohne Zweifel ein zentraler Baustein für unser zukünftiges Energiesystem, denn in der Kombination verschiedener Sektoren liegt die große Stärke der Erneuerbaren. Und in dieser smarten Verzahnung liegt auch eine Chance für die Entlastung der Netze. Der Eigenverbrauch des Solarstroms deutscher PV-Anlagenbesitzerinnen steigt seit Jahren an. In Kombination mit Wärmepumpen, dem wachsenden Angebot von Heimspeichern und mehr Elektromobilität wird dieser Effekt noch stärker werden. 

 

Welche Chancen sehen Sie darin, wenn Wohngebäude künftig nicht nur Energie verbrauchen, sondern aktiv zur Netzstabilität beitragen?

Netzstabilität wird durch Flexibilität und systemdienliches Verhalten gestärkt. Insofern können Privathaushalte durch eine Flexibilisierung von Einspeisung und Verbrauch erreichen, dass sie sich an den Anforderungen des Netzes orientieren und dadurch auch Kosten sparen. Die Möglichkeit für bidirektionales Laden von Fahrzeugen ist da ein Beispiel. Allerdings brauchen die Haushalte dafür Informationen zur Situation des Netzes, ohne Smart Meter können Haushalte sich nicht systemdienlich einbringen. Leider ist Deutschland gerade in diesem Punkt Schlusslicht in Europa. Gleichzeitig müssen die wirtschaftlichen Anreize stimmen: Wenn Prosumer durch steigende oder neu strukturierte Netzentgelte stärker belastet werden, ist das kontraproduktiv. Wer private Haushalte zu einem aktiven Teil des Energiesystems machen will, darf systemdienliches Verhalten nicht verteuern, sondern muss es gezielt belohnen.

 

Wenn wir zehn Jahre vorausblicken: Wie sieht aus Ihrer Sicht eine klimaneutrale Wohnungswirtschaft aus?

Nachhaltig, heimisch und sozial. Gerade in der genannten Sektorenkopplung liegt ein großes Potenzial für Kosteneinsparungen, von der die Wohnungswirtschaft und damit gleichermaßen Menschen in Eigenheimen und Mietwohnungen profitieren können.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Heinen-Esser.

 

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