Interview mit Lara M. Meier, Vorständin von OSTLAND Wohnungsgenossenschaft eG

Lara M. Meier gehört zu einer neuen Generation von Führungspersönlichkeiten in der Wohnungswirtschaft. Als Vorständin der OSTLAND Wohnungsgenossenschaft eG verantwortet sie die strategische Weiterentwicklung eines genossenschaftlichen Wohnungsunternehmens, das langfristig bezahlbaren Wohnraum mit den Anforderungen der Energie- und Wärmewende in Einklang bringen muss. Dabei stehen insbesondere die Dekarbonisierung des Gebäudebestands, die Digitalisierung sowie die Entwicklung nachhaltiger Quartiere im Mittelpunkt ihrer Arbeit.

Genossenschaften tragen eine besondere Verantwortung: Sie investieren langfristig, wirtschaften im Interesse ihrer Mitglieder und müssen Klimaschutz mit sozialer Verantwortung verbinden. Im Rahmen unserer Interviewreihe „Gestalter:innen der klimaneutralen Wohnungswirtschaft“ haben wir mit Lara M. Meier darüber gesprochen, wie moderne Genossenschaften die Energiewende gestalten, welche Rolle erneuerbare Energien künftig spielen und welche politischen Rahmenbedingungen notwendig sind, um Klimaneutralität und bezahlbares Wohnen erfolgreich zusammenzubringen.

 

Frau Meier, Wohnungsgenossenschaften stehen heute vor der Aufgabe, Klimaschutz, Wirtschaftlichkeit und soziale Verantwortung miteinander zu verbinden. Welche Verantwortung tragen Sie persönlich als Vorständin in dieser Transformation?

Meine Verantwortung ist, Klimaziele, Bezahlbarkeit und die wirtschaftliche Substanz unserer Genossenschaft nicht gegeneinander auszuspielen. Als Vorständin unterschreibe ich nicht nur einen Klimapfad, sondern auch seine Finanzierung. Nachhaltig ist eine Maßnahme für mich nur, wenn sie CO₂ senkt, für unsere Mitglieder tragbar bleibt und uns die Kraft für weitere Investitionen lässt. Gleichzeitig wäre es unverantwortlich, notwendige Entscheidungen immer wieder zu verschieben. Führung heißt für mich deshalb, Zielkonflikte offen zu benennen und auch dann nachvollziehbar zu entscheiden, wenn sich gesetzliche Vorgaben oder Förderbedingungen kurzfristig verändern.

 

Welche strategischen Ziele verfolgt OSTLAND auf dem Weg zu einem klimaneutralen Gebäudebestand? Welche Rolle spielt die Energiewende dabei für die langfristige Unternehmensentwicklung?

Wir beginnen nicht bei der Technologie, sondern beim Gebäude und bei den Daten. Seit 2021 bilanzieren wir die CO₂-Emissionen unseres gesamten Bestands und entwickeln daraus einen Klimapfad bis 2045. Zunächst schaffen wir Transparenz und optimieren vorhandene Anlagen. Danach entscheiden wir Gebäude- und Quartiersbezogen, welche Wärmeversorgung technisch sinnvoll und wirtschaftlich tragfähig ist. Entscheidend ist dabei die ganzheitliche Betrachtung. Nur wenn Gebäudezustand, Anlagentechnik, Energieversorgung und Quartier zusammengedacht werden, können wir Maßnahmen sinnvoll bündeln, Synergien im Bestand nutzen und Doppelarbeiten vermeiden. Die Energiewende ist für uns deshalb kein Einzelprojekt, sondern Teil unserer Bestands-, Finanzierungs- und Quartiersstrategie.

 

Wo steht Ihr Unternehmen heute bei der Dekarbonisierung des Bestands? Welche Maßnahmen haben für Sie aktuell die höchste Priorität?

Wir haben unseren Klimapfad inzwischen in konkrete Investitionen übersetzt. 2025 lag die CO₂-Intensität unseres Bestands bei 18,2 Kilogramm je Quadratmeter und Jahr. Für 2030 sieht unser Pfad 13,3 Kilogramm vor, bis 2045 wollen wir den Wert auf 1,8 Kilogramm senken.

Aktuell investieren wir in die Erneuerung der Beheizung und der zentralen Warmwasserbereitung. Je nach Projekt erwarten wir rechnerische CO₂-Einsparungen von 27 bis 36 Prozent. Auf Grundlage der heutigen Annahmen ergeben sich auch Potenziale, die Kosten für Heizung und Warmwasser um etwa 26 bis 27 Prozent zu reduzieren. Wie sich die Wärmekosten tatsächlich entwickeln, hängt jedoch auch von den Energiepreisen und der Preisgestaltung der Versorger ab. Darauf haben wir keinen unmittelbaren Einfluss. Eine rechnerische Einsparung ist deshalb keine Garantie für eine entsprechende dauerhafte Entlastung unserer Mitglieder. Umso wichtiger ist es, die prognostizierte Wirkung nach der Umsetzung anhand realer Verbrauchs- und Kostendaten zu überprüfen. Priorität haben für uns Maßnahmen, die zeitnah Wirkung entfalten und spätere Lösungen nicht verbauen: belastbare Verbrauchsdaten, optimierte Anlagentechnik, niedrigere Systemtemperaturen und eine Wärmeversorgung, die zum jeweiligen Gebäude und Quartier passt.

„Erfolg messen wir nicht an der Zahl verbauter Technologien, sondern an tatsächlich vermiedenen Emissionen, sinkenden Verbräuchen und der realen Entwicklung der Wärmekosten.“

Nicht jedes Gebäude lässt sich gleich schnell transformieren. Nach welchen Kriterien priorisieren Sie Investitionen in Ihrem Bestand und wie bewerten Sie die Dekarbonisierung von Mehrfamilienhäusern?

Wir priorisieren nicht nach einer einzelnen Technologie, sondern nach dem Zustand und der langfristigen Entwicklung des gesamten Gebäudes. Zunächst prüfen wir, welche Instandhaltungen in den kommenden Jahren ohnehin anstehen und welche Maßnahmen sinnvoll miteinander verbunden werden können, beispielsweise an Dach, Fassade, Fenstern, Wärmeverteilung oder Warmwasserbereitung. Hinzu kommen der Energieverbrauch und die mögliche CO₂-Wirkung, die verbleibende Nutzungsdauer der Anlagentechnik, die am Standort realistische Wärmeversorgung, die Wirtschaftlichkeit sowie die Auswirkungen auf unsere Mitglieder.

Fördermöglichkeiten fließen in diese Bewertung ein, dürfen den Sanierungsweg aber nicht allein bestimmen. Gerade bei Mehrfamilienhäusern hängen diese Faktoren eng zusammen. Deshalb planen wir ganzheitlich, setzen jedoch nicht zwangsläufig alles gleichzeitig um. Nicht jede zusätzliche Maßnahme bringt im Verhältnis denselben Nutzen. Wir suchen daher nicht das technisch maximal Mögliche, sondern das Maßnahmenpaket mit der besten Wirkung für Klima, Gebäude und Mitglieder. Manchmal ist eine umfassende Modernisierung sinnvoll, in anderen Fällen ein abgestimmtes Vorgehen in Etappen. Entscheidend ist, Doppelarbeiten und Fehlinvestitionen zu vermeiden und jeden Schritt so zu wählen, dass er spätere Maßnahmen ermöglicht. So entsteht für jedes Objekt ein eigener Weg zur Dekarbonisierung – technisch realistisch, wirtschaftlich verantwortbar und mit Blick auf die Wohnkosten unserer Mitglieder.

 

Wo sehen Sie aktuell die größten wirtschaftlichen Herausforderungen bei der Dekarbonisierung Ihres Gebäudebestands?

Die kurzfristige Umstellung der BEG-Förderung im Juli 2026 zeigt das Problem sehr deutlich. Wer noch zu den bisherigen Bedingungen beantragen wollte, benötigte spätestens am 8. Juli eine gültige Bestätigung zum Antrag. Danach konnte bis zum Ende der Übergangsphase keine neue BzA mehr erstellt werden. Bereits erteilte Förderzusagen blieben unberührt. Bei weit fortgeschrittenen Vorhaben ohne BzA konnte sich die Finanzierungsgrundlage dennoch innerhalb weniger Tage verändern. Das bildet die Realität solcher Investitionen nicht ab: Bevor eine BzA vorliegt, wurden Varianten geprüft, Kosten ermittelt, Gremien eingebunden und Finanzierungen vorbereitet.

Als Genossenschaft planen und finanzieren wir langfristig und solide, gerade damit die Belastungen für unsere Mitglieder kalkulierbar und tragbar bleiben. Wenn Förderbedingungen innerhalb weniger Tage verändert werden, betrifft das deshalb nicht nur einen einzelnen Antrag. Es kann eine über Jahre abgestimmte Investitions- und Finanzierungsplanung verschieben. Förderbedingungen dürfen weiterentwickelt werden. Sie brauchen aber Übergangsregelungen, die den tatsächlichen Planungsstand eines Projekts anerkennen. Wohngebäude werden über Jahrzehnte finanziert. Die wirtschaftliche Grundlage sorgfältig vorbereiteter Klimaschutzmaßnahmen darf deshalb nicht im Wochenrhythmus wechseln. Eine geringere Förderung lässt sich zudem nicht einfach auf die Miete verlagern. Sie trifft unmittelbar unsere Investitionsfähigkeit und kann dazu führen, dass Projekte neu finanziert, anders priorisiert oder verschoben werden müssen.

 

Welche politischen oder regulatorischen Rahmenbedingungen würden Ihre Arbeit heute am stärksten erleichtern?

Was uns fehlt, ist nicht das Ziel, sondern Verlässlichkeit auf dem Weg dorthin. Am stärksten helfen würden uns drei Dinge: Erstens brauchen Förderänderungen echte Übergangsregelungen, die den tatsächlichen Planungsstand eines Projekts berücksichtigen. Ein Vorhaben beginnt nicht erst mit der Erstellung einer BzA. Bis dahin wurden bereits technische Varianten bewertet, Wirtschaftlichkeitsberechnungen erstellt, Gremien beteiligt und Finanzierungen vorbereitet. Zweitens müssen Gebäude-, Miet-, Förder- und Wärmeplanungsrecht besser ineinandergreifen. Von Wärmeversorgern benötigen wir belastbare Aussagen zu Anschlusszeitpunkten, Kapazitäten, Preisen und zur künftigen Dekarbonisierung ihrer Netze. Ein Wärmeplan ist eine wichtige Orientierung, aber noch kein Anschlussangebot. Drittens sollten Wohnungsunternehmen heterogene Bestände stärker über verbindliche und überprüfbare CO₂-Pfade auf Portfolioebene steuern können. Nicht jedes Gebäude benötigt zur gleichen Zeit dieselbe technische Lösung. Entscheidend ist, dass die Emissionen des Gesamtbestands messbar sinken, Investitionen wirtschaftlich verantwortbar bleiben und die Belastung unserer Mitglieder mitgedacht wird. Das würde die Klimaziele nicht aufweichen, sondern ihre Umsetzung verlässlicher und wirksamer machen.

 

Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen rund um das Gebäudemodernisierungsgesetz, die kommunale Wärmeplanung und die Förderlandschaft? Gibt es ausreichend Planungssicherheit für langfristige Investitionen?

Nein, ausreichende Planungssicherheit besteht noch nicht. Gebäuderecht, europäische Klimaziele, Förderung und kommunale Infrastrukturplanung laufen derzeit nicht im gleichen Takt. Mehr Technologieoffenheit kann für heterogene Bestände sinnvoll sein. Sie darf aber nicht mit Zieloffenheit verwechselt werden: Die Klimaziele bleiben bestehen, während wichtige Details zur künftigen Nutzung klimaneutraler Brennstoffe noch offen sind. Auch die kommunale Wärmeplanung löst das Problem nicht allein. Ein Wärmeplan zeigt eine mögliche Richtung, garantiert aber weder einen Anschluss noch einen Termin oder einen belastbaren Preis. Für eine Investitionsentscheidung brauchen wir mehr als farbige Flächen auf einer Karte. Echte Planungssicherheit entsteht erst, wenn rechtliche Ziele, Förderbedingungen und verfügbare Infrastruktur zeitlich und wirtschaftlich zusammenpassen.

 

Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft blicken: Wie sieht für Sie eine erfolgreiche, klimaneutrale Wohnungswirtschaft aus?

In zehn Jahren möchte ich den Erfolg der Wärmewende nicht an der Menge verbauter Technik messen. Entscheidend ist, ob die Emissionen gesunken sind, die warmen Wohnkosten tragbar bleiben und Wohnungsunternehmen weiterhin investieren können. Gebäude, Energieversorgung, Mobilität und soziale Infrastruktur müssen stärker auf Quartiersebene zusammengedacht werden. Genossenschaften können dabei eine besondere Rolle übernehmen, weil sie nicht in kurzfristigen Verkaufszyklen, sondern in Mitgliedergenerationen denken. OSTLAND bewirtschaftet seit 75 Jahren Wohnraum im Interesse ihrer Mitglieder. Unsere heutigen Entscheidungen müssen deshalb auch für kommende Generationen tragen.

 

Wenn Sie der Politik und der Branche heute einen Wunsch mit auf den Weg geben könnten: Was müsste passieren, damit die Transformation der Wohnungswirtschaft schneller und gleichzeitig sozialverträglich gelingt?

Mein Wunsch an die Politik ist: Macht aus Klimazielen investierbare Rahmenbedingungen, mit verlässlichen Regeln, planbarer Förderung und verbindlicher Infrastrukturplanung. Und mein Wunsch an die Branche ist: Teilt Daten, Erfahrungen und auch Fehlentscheidungen. Genau darin liegt für mich der genossenschaftliche Gedanke: Wissen teilen, voneinander lernen und gemeinsam mehr erreichen. Gerade in einer so umfassenden Transformation ist dieser Gedanke moderner denn je. Wir werden die Wärmewende nicht bewältigen, wenn jedes Unternehmen dieselben Probleme allein lösen muss.

Geschwindigkeit entsteht nicht durch immer neue Vorgaben, sondern durch Klarheit, Zusammenarbeit und den Mut, aus Erkenntnissen Konsequenzen zu ziehen.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Meier.

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Susann Ehmke | Head of Marketing
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