Carsten Körnig gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschen Solar- und Energiepolitik. Als Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW-Solar) vertritt er seit vielen Jahren die Interessen der Solar- und Speicherbranche gegenüber Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Der BSW-Solar bündelt die Expertise von Unternehmen entlang der gesamten solaren Wertschöpfungskette und setzt sich für den beschleunigten Ausbau von Photovoltaik, Batteriespeichern und einer klimaneutralen Energieversorgung ein.
Seinen beruflichen Einstieg fand Körnig in den 1990er Jahren bei Greenpeace. Später war er unter anderem als Journalist und Unternehmensgründer tätig und begleitete die energiepolitische Entwicklung Deutschlands maßgeblich mit. Er wirkte an der politischen Ausgestaltung zentraler Förderinstrumente wie dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), dem Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) sowie Förderprogrammen für Solarstromspeicher mit. Heute zählt er zu den wichtigsten energiepolitischen Stimmen der Solarbranche und ist gefragter Gesprächspartner für Politik und Medien.
Im Rahmen unserer Interviewreihe „Gestalter:innen der klimaneutralen Wohnungswirtschaft“ haben wir mit ihm über den Beitrag der Solarenergie zur Dekarbonisierung des Gebäudesektors, die Zukunft von Photovoltaik und Batteriespeichern sowie die politischen Weichenstellungen gesprochen, die jetzt notwendig sind, um den Gebäudesektor klimaneutral zu gestalten.
Herr Körnig, Sie begleiten die Entwicklung der Solarbranche seit mehr als zwei Jahrzehnten und haben die Ausgestaltung zentraler energiepolitischer Instrumente mit begleitet. Wo steht Deutschland aus Ihrer Sicht heute bei der Energiewende im Gebäudesektor?
Deutschland befindet sich bei der Energiewende im Gebäudesektor in einer entscheidenden Übergangsphase, die von beachtlichen historischen Erfolgen, aber auch von aktuellen Rückschlägen und großen regulatorischen Unsicherheiten geprägt ist. Gerade im Gebäudesektor gibt es sowohl Licht als auch Schatten. Während sich die Energiewende im Stromsektor derzeit auf dem Zielpfad befindet und bereits mehr als die Hälfte des Strombedarfs aus Erneuerbaren Energien stammt, erreichen der Wärme- und Verkehrssektor die geplanten Klimaziele derzeit noch nicht.
Welche Fortschritte stimmen Sie derzeit optimistisch und wo sehen Sie den größten politischen oder strukturellen Handlungsbedarf?
Optimistisch stimmt das Zusammenwachsen von Strom, Wärme und Mobilität. Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher, Wärmepumpen und E-Autos bilden heute ein „Dreamteam“ der Energiewende. Solar- und Windstrom, inzwischen überaus günstig geworden, ermöglichen mittels Sektorkopplung endlich auch eine beschleunigte Dekarbonisierung des Wärme- und Mobilitätssektors.
Doch dies setzt kluge und verlässliche politische Weichenstellungen voraus. Sorgen bereitet uns, dass bei den aktuell zahlreich anstehenden energiepolitischen Reformvorhaben nicht mit dem erforderlichen Augenmaß vorgegangen wird. Mit den vorliegenden Entwürfen zum Erneuerbaren-Energien-Gesetz, zum Netzpaket und der Netzentgeltreform drohen massive Einschnitte bei der Förderkulisse und Unwuchten zu Ungunsten dezentraler Erzeuger erneuerbarer Energien.
Sie stehen seit vielen Jahren im engen Austausch mit Politik und Ministerien. Welche politischen Entscheidungen müsste die Bundesregierung jetzt treffen, um die Dekarbonisierung des Gebäudesektors deutlich zu beschleunigen?
Deutschland hat die technologischen Lösungen und eine hohe Investitionsbereitschaft in der Bevölkerung, doch der Gebäudesektor leidet aktuell unter einem Vertrauensverlust in den Rechtsrahmen und zahlreichen bürokratischen Hürden. Für den Ausbau der Solarenergie, Speicher und anderer klimafreundlicher Energiequellen brauchen wir freie Fahrt statt Hürdenlauf. Verlässliche Investitionsbedingungen und der Abbau von Marktbarrieren sind der Schlüssel, um die Klima- und Energieziele rechtzeitig zu erreichen. Neben einer verlässlichen Förderkulisse braucht es bei Netzausbau und Netzanschlussprozessen mehr Tempo und Effizienz. Der Speicher-Turbo darf nicht regulatorisch ausgebremst werden und die Digitalisierung des Energiesystems muss massiv beschleunigt werden.
Neben der Photovoltaik ist die Solarthermie, also die direkte Nutzung solarer Strahlungsenergie in Form von Wärme – für Warmwasser oder zum Beheizen von Gebäuden – eine ausgereifte und langlebige Technik, die als Ergänzung zu jeder Heizung hilft, Energie und Kosten zu sparen. Das gilt für fossiles Gas ebenso wie für Holzpellets, Biogas oder Strom zum Antrieb der Wärmepumpe.
Wo sehen Sie aktuell die größten regulatorischen Hemmnisse für den Ausbau von Photovoltaik auf Mehrfamilienhäusern?
Während im Eigenheimbereich bereits ein erfreulicher Anteil der Dächer für die Solarenergieernte genutzt wird, bleiben Mehrfamilienhäuser weiterhin das „Sorgenkind“ der Energiewende. Von dem technischen Potenzial von bis zu 75 Gigawatt auf vermieteten Wohngebäuden wurde bislang nur ein Bruchteil erschlossen. Neue Modelle wie die Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung sollen dies vereinfachen, stoßen aber noch auf Umsetzungshürden bei den Netzbetreibern.
Als größte Hemmnisse für einen schnelleren Ausbau der Photovoltaik auf Mehrfamilienhäusern sehen wir derzeit vor allem die mangelhafte praktische Umsetzung bestehender Gesetze sowie die geplanten Einschnitte im Erneuerbare-Energien-Gesetz. Für viele Projekte auf Mehrfamilienhäusern ist die feste Einspeisevergütung (oft in Kombination mit dem Volleinspeisebonus) eine notwendige wirtschaftliche Voraussetzung, um Projekte überhaupt anzustoßen. Sie dient als Brücke, bis die Mieterversorgung praktisch umsetzbar ist. Eine Abschaffung der Vergütung oder eine Pflicht zur Direktvermarktung für Anlagen unter 100 kWp würde dieses Segment massiv einschränken.
Obwohl Modelle wie die Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung gesetzlich verankert sind, werden sie von der Mehrheit der Verteilnetzbetreiber noch nicht umgesetzt. Es fehlen massengeschäftstaugliche Marktkommunikationsprozesse und die Zuweisung notwendiger virtueller Messpunkte. Der BSW-Solar fordert daher Sanktionen für Netzbetreiber bei Pflichtverstößen.
Innovative Modelle wie Energy Sharing oder die Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung benötigen viertelstündliche Messwerte. Der verzögerte Rollout intelligenter Messsysteme durch die Netzbetreiber behindert die Marktintegration und die Abrechnung dieser Modelle erheblich.
In klassischen Mieterstrommodellen schrecken die umfassenden Pflichten nach dem Energiewirtschaftsgesetz, z. B. Herkunftsnachweise, detaillierte Rechnungslegung, viele Vermieter ab. Zwar entfallen diese bei der Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung weitgehend, doch bleibt die Komplexität bei der Bilanzierung unter Nutzung des öffentlichen Netzes, z. B. beim Energy Sharing, hoch.
Ebenfalls hochproblematisch ist die Rechtsunsicherheit bei Kundenanlagen. Infolge eines Urteils des Bundesgerichtshofs vom Mai 2025 besteht eine gravierende Rechtsunsicherheit für Stromlieferungen innerhalb von Kundenanlagen. Dies betrifft Mieterstrom, die Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung sowie On-Site-PPAs. Die aktuelle Übergangsregelung bis Ende 2028 bietet noch keine dauerhafte Rechtssicherheit. Zudem bergen EU-Vorschläge die Gefahr, dass Kundenanlagen als „Netz“ eingestuft werden, was immense Bürokratie und Kosten zur Folge hätte.
Welche Auswirkungen wird das geplante Förderaus von Anlagen <25 kWp auf die Solarwirtschaft haben?
Die geplanten Einschnitte bei der Einspeisevergütung für kleine Solaranlagen, Prosumer-Netzentgelte sowie eine technisch und wirtschaftlich nicht umsetzbare Direktvermarktungspflicht würden den Zubau der Photovoltaik auf Gebäuden mehr als halbieren und die Energiewende im Gebäudesektor ausbremsen.
Repräsentative Umfragen unter privaten Immobilieneigentümern zeigen, dass sich lediglich vier von zehn Kunden ohne eine EEG-Förderung noch eine Solarstromanlage im Heimsegment anschaffen würden. Die vorgesehenen Einschnitte gefährden Investitionen in Milliardenhöhe und setzen Zehntausende Arbeitsplätze entlang der solaren Wertschöpfungskette aufs Spiel.
Wie verändert sich unser Energiesystem, wenn Millionen Gebäude künftig gleichzeitig Strom erzeugen, speichern und flexibel verbrauchen?
Solarenergie ist in Deutschland zu einer der wichtigsten Stromquellen geworden. Im vergangenen Jahr generierten die mittlerweile rund sechs Millionen Solarstromanlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 120 GWp rund 19 Prozent der gesamten deutschen Nettostromerzeugung.
Durch die zunehmende Verbreitung von Photovoltaikanlagen und Speichern wird unser Energiesystem dezentraler, demokratischer und resilienter. Die Photovoltaik ist zudem inzwischen die günstigste Form der Stromerzeugung aus Neuanlagen. Sie drückt schon heute den Preis an der Strombörse jährlich um einen zweistelligen Milliardenbetrag. Damit profitieren auch Stromverbraucher:innen, die über keine eigene Solaranlage verfügen.
Deutschland diskutiert derzeit intensiv über Versorgungssicherheit, Netzausbau und Wettbewerbsfähigkeit. Welchen Beitrag kann die Solarwirtschaft leisten, um diese Herausforderungen zu lösen?
In Kombination mit Speichern und modernen Energiemanagementsystemen kann Solartechnik einen wesentlichen Beitrag leisten, um die aktuellen Herausforderungen in den Bereichen Versorgungssicherheit, Netzausbau und Wettbewerbsfähigkeit zu bewältigen.
Dank ihrer dezentralen und modularen Einsetzbarkeit erhöht Solartechnik die Resilienz unserer Energieversorgung erheblich. Sie macht uns unabhängiger von immer teurer werdenden fossilen Energieimporten aus Kriegs- oder Krisengebieten. Anders als viele fossile Kraftwerke ist sie nicht auf Kühlwasser angewiesen.
Mit Hilfe intelligenter Steuerung und Speicherung kann gerade der verbrauchsnahe dezentrale Einsatz von Solartechnik den für die Elektrifizierung des Wärme- und Mobilitätssektors erforderlichen Netzausbau erheblich reduzieren.
Wenn Sie heute der Bundesregierung drei konkrete Empfehlungen mit auf den Weg geben könnten: Welche Maßnahmen sollten jetzt höchste Priorität haben, damit Deutschland seine Klimaziele im Gebäudesektor erreicht?
Vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden Wirtschafts-, Energie- und Klimakrise braucht Deutschland mehr Tempo beim Ausbau Erneuerbarer Energien, Speichern und Netzen für eine bezahlbare, sichere und klimafreundliche Energieversorgung – keinesfalls neue Hürden. Wir appellieren daher an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags, von den geplanten Einschnitten bei der Gebäude-Photovoltaik abzusehen, das EEG im Herbst mit Augenmaß zu novellieren und das „Netzpaket“ nicht zum Bremsklotz der Energiewende werden zu lassen.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Körnig.