Sina Fiedler ist seit Februar 2017 Vorständin der Vaterländischer Bauverein eG (VBV), einer 1902 gegründeten Berliner Wohnungsbaugenossenschaft mit rund 2.100 Wohnungen in Berlin Gesundbrunnen, Frohnau und Steglitz sowie über 3.400 Mitgliedern. Gemeinsam mit zwei weiteren Vorstandskollegen trägt sie Verantwortung für die strategische Ausrichtung des Wohnungsunternehmens, das seinen genossenschaftlichen Auftrag, bezahlbaren Wohnraum zu sichern und gleichzeitig zukunftsfähig zu entwickeln, in den Mittelpunkt stellt.
Im Gespräch berichtet Sina Fiedler, wie der VBV die Dekarbonisierung im Bestand angeht, welche Herausforderungen das neue Wärmegesetz mit sich bringt und wie Genossenschaften das Verhältnis von Klimaschutz und sozialer Verantwortung ausbalancieren können.
Frau Fiedler, die Wohnungswirtschaft steht massiv unter Druck, ihre Bestände zu dekarbonisieren. Welche persönliche Verantwortung tragen Sie in dieser Transformation?
Als Vorständin einer Genossenschaft trage ich eine doppelte Verantwortung: gegenüber unseren Mitgliedern und gegenüber den kommenden Generationen. Dekarbonisierung bedeutet für mich nicht nur technische Modernisierung, sondern auch eine strategische, langfristige Ausrichtung unseres Bestandes.
Ich verstehe meine Rolle darin, Entscheidungen zu treffen, die sowohl ökologisch sinnvoll als auch wirtschaftlich tragfähig sind und dabei die soziale Verantwortung einer Genossenschaft niemals aus dem Blick zu verlieren. Dabei ist für mich klar: Diese Vielzahl an Aufgaben lässt sich nur im Team bewältigen. Deshalb plane, bespreche und bewerte ich unsere Strategien regelmäßig gemeinsam mit meinen Vorstandskollegen. Nur durch gute Zusammenarbeit können wir mutig vorausdenken, richtig priorisieren und neue Wege gehen.
Wie bewerten Sie das neue Heizungs- bzw. Wärmegesetz? Welche Herausforderungen sehen Sie darin und wie gehen Sie damit um?
Das neue Wärmegesetz setzt wichtige Impulse für eine klimaneutrale Wärmeversorgung, bringt aber für die Wohnungswirtschaft enorme Herausforderungen mit sich: technisch, finanziell und organisatorisch. Besonders im Bestand ist die Umsetzung komplex, weil wir nicht nur einzelne Gebäude, sondern ganze Quartiere betrachten müssen.
Wir gehen damit um, indem wir frühzeitig Planungsprozesse anstoßen, Fördermöglichkeiten konsequent nutzen und uns intensiv mit Wärmenetzen, Wärmepumpen und hybriden Systemen beschäftigen.
Für uns ist klar: Wir brauchen Verlässlichkeit seitens der Politik und realistische Übergangsfristen, aber wir sehen die Reform auch als Chance, unseren Bestand zukunftssicher zu gestalten. Immer im Blick das Ergebnis und bezahlbaren Wohnraum anbieten und halten zu können.
Die Dekarbonisierung schaffen wir nur gemeinsam – durch klare Strategien, gute Teamarbeit und den Mut, neue Wege zu gehen.
Wo steht Ihr Unternehmen aktuell beim Thema CO₂-Reduktion?
Wir haben in den vergangenen Jahren bereits wichtige Schritte unternommen – von energetischen Einzelmaßnahmen über Heizungsmodernisierungen bis hin zur systematischen Auswertung unserer Verbrauchsdaten. Jährlich investieren wir mehrere Millionen Euro in die energetische Ertüchtigung unserer Bestände. Auf Basis der Daten von 2022 haben wir zudem eine CO₂-Bilanz erstellen lassen, die wir künftig alle vier bis fünf Jahre aktualisieren, um unsere Fortschritte transparent und messbar nachvollziehen zu können.
Seit dem vergangenen Jahr bieten wir zudem in mehreren Quartieren Mieterstrom an und arbeiten bereits an weiteren Standorten, um den Ausbau erneuerbarer Energien im Bestand voranzutreiben. Schon in dieser kurzen Zeit konnten wir damit bis zu 70 Tonnen CO₂ einsparen.
Dekarbonisierung ist bei uns im VBV fest verankert, jede geplante Modernisierung wird vorab daraufhin geprüft, welchen Beitrag sie zur CO₂-Reduktion leisten kann.
Wie begegnen Sie dem Spannungsfeld zwischen Klimazielen und bezahlbaren Mieten?
Für Genossenschaften ist dieses Spannungsfeld besonders ausgeprägt, weil wir nicht gewinnorientiert arbeiten und unsere Mitglieder schützen müssen. Klimaschutz darf die Wohnkosten nicht explodieren lassen.
Unser Ansatz ist: Wir modernisieren so viel wie notwendig und so wenig wie möglich und immer mit Blick auf die langfristige Wirtschaftlichkeit. Wir prüfen Fördermittel konsequent und setzen auf Lösungen, die geringe Betriebskosten ermöglichen. Außerdem beziehen wir unsere Mitglieder frühzeitig in Prozesse ein, damit Modernisierung transparent und nachvollziehbar bleibt.
Wenn Sie in zehn Jahren zurückblicken: Woran erkennen Sie, dass die Wohnungswirtschaft ihre Klimaverantwortung wirklich wahrgenommen hat?
Wir haben unsere Verantwortung wahrgenommen, wenn die CO₂-Emissionen unserer Bestände messbar gesunken sind, und zwar nicht durch Verdrängung oder unbezahlbare Mieten, sondern durch intelligente, nachhaltige Modernisierungsstrategien.
Wenn Wärmeversorgung erneuerbar ist, Quartiere zukunftsfähig und unsere Bewohner zufrieden sind. Wenn wir sagen können: Wir haben Klimaschutz sozialverträglich umgesetzt und damit bewiesen, dass ökologische und genossenschaftliche Ziele kein Widerspruch sind.
Frau Fiedler, vielen Dank für das Gespräch.