Claudia Kemfert gehört zu den profiliertesten Energieökonominnen Deutschlands und prägt seit vielen Jahren die Debatte rund um Energiewende, Klimaschutz und nachhaltige Wirtschaftspolitik. Seit 2004 leitet sie die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität. Zuvor lehrte sie unter anderem an der Hertie School of Governance sowie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin forscht zu den ökonomischen Auswirkungen von Klima-, Energie- und Verkehrspolitik und entwickelt seit Jahren Modelle und Szenarien für eine klimaneutrale Energieversorgung. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen insbesondere der Ausbau erneuerbarer Energien, die Elektrifizierung des Gebäudesektors, Versorgungssicherheit sowie die wirtschaftlichen Chancen einer marktwirtschaftlich geprägten Energiewende.
Als Beraterin nationaler und internationaler Institutionen war sie unter anderem für die Europäische Kommission tätig und gehört seit 2011 dem Präsidium der Deutschen Gesellschaft Club of Rome an. Zudem ist sie eine vielfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin, Buchautorin und eine der bekanntesten öffentlichen Stimmen der deutschen Energiewende. In ihrem neuen Buch
„Kurzschluss – Wie wir unsere Energiezukunft verspielen“
analysiert sie, warum energiepolitische Rückschritte und fossile Abhängigkeiten teuer, riskant und klimapolitisch fatal sind – und zeigt, wie eine konsequente Energiewende Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und wirtschaftliche Stärke zugleich ermöglichen kann.
Im Rahmen unserer Interviewreihe „Gestalter:innen der klimaneutralen Wohnungswirtschaft“ haben wir mit ihr über die marktwirtschaftliche Energiewende, die Rolle erneuerbarer Energien im Gebäudesektor sowie die Chancen von Photovoltaik, Batteriespeichern und Wärmepumpen für eine klimaneutrale und bezahlbare Wohnungswirtschaft gesprochen.
Frau Kemfert, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit Energie- und Klimapolitik. Wo steht Deutschland aus Ihrer Sicht aktuell bei der Energiewende?
Deutschland ist bei der Energiewende deutlich weiter, als die öffentliche Debatte oft vermuten lässt aber noch nicht schnell genug. Im Stromsektor sehen wir große Fortschritte: Wind und Solar tragen inzwischen den Hauptanteil der Stromerzeugung. Das zeigt: Die erneuerbaren Energien funktionieren, sie sind längst das Rückgrat der Energieversorgung.
Die eigentlichen Engpässe liegen heute weniger bei der Technologie als bei Tempo, Infrastruktur und politischer Konsequenz. Wir brauchen mehr Speicher, mehr Flexibilität, digitale und dezentrale smarte Grids, schnellere Genehmigungen und vor allem verlässliche Rahmenbedingungen. Die Energiewende ist kein technisches Problem, sondern eine Frage politischer Prioritätensetzung.
Gleichzeitig hinken Wärme und Verkehr weiterhin hinterher. Gerade der Gebäudesektor ist entscheidend, weil dort noch sehr viel fossile Energie verbraucht wird. Wenn wir weiter in neue Gas- und Ölheizungen investieren, zementieren wir Kosten und Abhängigkeiten für Jahrzehnte. Wer heute die Wärmewende verzögert, macht sie morgen teurer.
In der energiepolitischen Debatte stehen derzeit Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Energiepreise stark im Fokus. Wie bewerten Sie diese Schwerpunktsetzung?
Diese Themen sind vollkommen richtig – aber sie werden häufig falsch erzählt. Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und bezahlbare Energie sprechen nicht gegen die Energiewende, sondern für sie. Die fossile Energiekrise hat doch gerade gezeigt, wie teuer Abhängigkeit von fossiler Energie wie Öl und Gas ist. Die Preisexplosionen kamen nicht durch zu viele erneuerbare Energien, sondern durch fossile Knappheiten, geopolitische Risiken und Importabhängigkeiten.
Die Energiekrise war kein Beweis gegen die Energiewende, sondern ein Kurzschluss fossiler Abhängigkeit. Erneuerbare Energien sind heute die günstigsten neuen Energiequellen. Sie machen uns unabhängiger, stabilisieren langfristig Preise und schaffen industrielle Chancen – von Batterien über Wärmepumpen bis zu Effizienztechnologien und Kreislaufwirtschaft.
Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht dadurch, dass man alte fossile Strukturen künstlich verlängert, sondern indem man saubere, bezahlbare und resiliente Energie zum Standortvorteil macht. Deshalb brauchen wir keine Rolle rückwärts, sondern eine Modernisierungsoffensive: Ausbau erneuerbarer Energien, Speicher, Lastmanagement, Elektromobilität, Wärmepumpen, industrielle Effizienz und digitale Preissignale in Echtzeit.
Im Diskurs wird zudem eine Verschiebung der Klimaneutralität auf 2050 statt 2045 diskutiert. Welche Bedeutung hat eine solche Zielverschiebung aus Ihrer Sicht für die Energiewende und welche Signale sendet die Politik damit an die Wohnungsunternehmen und die Menschen?
Eine Verschiebung von 2045 auf 2050 wäre ein fatales Signal. Wer Klimaziele aufweicht, schafft Unsicherheit – für Unternehmen, Kommunen, Wohnungswirtschaft und private Haushalte.
Gerade Wohnungsunternehmen brauchen Planungssicherheit. Sie müssen heute entscheiden, ob sie in Wärmepumpen, Wärmenetze, Sanierung, erneuerbare Wärme oder erneut in fossile Heizsysteme investieren. Wenn die Politik widersprüchliche Signale sendet, werden Investitionen verschoben. Das ist teuer, denn Verzögerung bedeutet: alte Heizungen laufen länger, fossile Energiekosten bleiben hoch, CO₂-Kosten steigen und Modernisierung wird aufgeschoben.
Für Bürger:innen ist entscheidend: Klimaschutz muss sozial gerecht gestaltet werden. Eine Wärmewende, die nur über höhere Preise wirkt, verliert Akzeptanz. Deshalb braucht es gezielte Förderung, Schutz für Mieter:innen, faire Kostenaufteilung und klare Regeln, damit Investitionen tatsächlich zu niedrigeren Energiekosten führen. Der größte Fehler wäre, Menschen scheinbar kurzfristig zu entlasten, sie aber langfristig in teure Öl- und Gasabhängigkeit zu führen.
Jede neue fossile Heizung ist ein Kostenrisiko für die Zukunft. Deshalb braucht es keine Verunsicherung, sondern Verlässlichkeit, Förderung und klare Orientierung.
In der Krise scheint die Akzeptanz für Klimaschutzmaßnahmen zu sinken, was muss die Politik tun, um die Menschen mitzunehmen?
Die Politik muss aufhören, Klimaschutz als Zumutung zu kommunizieren. Klimaschutz ist Schutz vor Krisen: vor hohen Energiepreisen, vor Abhängigkeiten, vor Extremwetterschäden und vor sozialen Folgekosten. Menschen akzeptieren Veränderungen eher, wenn sie verstehen, wofür sie gut sind, wenn sie fair verteilt werden und wenn sie konkret im Alltag helfen.
Dazu gehört eine klare, ehrliche Kommunikation: Fossile Energien werden nicht wieder dauerhaft billig. Wer das Gegenteil verspricht, verkauft Illusionen. Gleichzeitig muss die Politik praktische Lösungen anbieten: verlässliche Förderung, einfache Verfahren, gute Beratung, kommunale Wärmeplanung, Mieterschutz und Investitionen in Infrastruktur.
Akzeptanz entsteht nicht durch das Bremsen der Energiewende, sondern durch gute Umsetzung. Wenn Menschen merken, dass die neue Heizung die Kosten senkt, der ÖPNV besser wird, Solarstrom vor Ort günstiger ist und Kommunen handlungsfähig werden, steigt auch die Unterstützung. Klimaschutz muss als Freiheits-, Sicherheits- und Wohlstandsprojekt erfahrbar werden.
Welche politischen Maßnahmen würden den Ausbau erneuerbarer Energien im Gebäudesektor aktuell am stärksten beschleunigen?
Erstens braucht es klare und verlässliche Standards. Wer heute neu baut oder grundlegend modernisiert, sollte konsequent auf energetische Sanierung und erneuerbare Wärme setzen. Unklare Technologieoffenheit, die am Ende doch wieder fossile Heizungen begünstigt, führt zu Fehlinvestitionen.
Zweitens brauchen wir eine massive Beschleunigung bei Wärmepumpen, Solarenergie auf Gebäuden, Quartierslösungen und erneuerbaren Wärmenetzen. Dazu gehören bessere Förderprogramme, weniger Bürokratie und verlässliche Finanzierung – besonders für Haushalte mit geringen und mittleren Einkommen.
Drittens muss die kommunale Wärmeplanung mit Investitionen hinterlegt werden. Ein Wärmeplan allein heizt kein Haus. Kommunen brauchen Personal, Geld und Instrumente, um Wärmenetze, Abwärmenutzung, Geothermie, Solarthermie und effiziente Quartierslösungen umzusetzen.
Viertens sollten Preissignale ehrlich sein. Fossile Heizungen erscheinen oft nur deshalb günstiger, weil künftige CO₂-Kosten, Importabhängigkeiten und Klimaschäden nicht vollständig eingepreist werden. Gleichzeitig müssen soziale Härten ausgeglichen werden. Klimapolitik darf nicht blind verteuern, sie muss gezielt modernisieren.
Wenn wir auf das Jahr 2045 schauen: Woran erkennen wir, dass die Energiewende in Deutschland erfolgreich war?
Eine erfolgreiche Energiewende erkennen wir daran, dass Energie sauber, bezahlbar, sicher und unabhängig verfügbar ist. Im Jahr 2045 sollte Deutschland überwiegend erneuerbar versorgt sein – mit Wind, Sonne, Speichern, grünem Wasserstoff dort, wo er wirklich gebraucht wird, sowie digitalen und flexiblen Stromsystemen.
Wir erkennen Erfolg daran, dass Gebäude kaum noch Öl und Gas benötigen, sondern effizient, erneuerbar und kostengünstig beheizt werden. Dass Haushalte nicht mehr von fossilen Preisschocks abhängig sind. Dass Unternehmen saubere Energie als Standortvorteil nutzen. Dass Batterien, Wärmepumpen, Elektromobilität, Kreislaufwirtschaft und Effizienztechnologien Wertschöpfung und Arbeitsplätze schaffen.
Und wir erkennen Erfolg daran, dass die Energiewende nicht mehr als Kulturkampf geführt wird, sondern als Normalität funktioniert. Dann ist sie kein Sonderprojekt mehr, sondern die Grundlage einer modernen Wirtschaft. Erfolgreich ist die Energiewende, wenn sie Freiheit schafft: Freiheit von fossilen Abhängigkeiten, von Preiskrisen und von klimapolitischen Folgekosten.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Kemfert.