Dr. Martin Sabel zählt zu den prägenden Stimmen der Wärmewende in Deutschland. Seit 2010 ist er Geschäftsführer des Bundesverbands Wärmepumpe e. V. (BWP), der Hersteller, Energieversorger, Planungsbüros und Handwerksunternehmen rund um die Wärmepumpentechnologie vertritt. Der Geologe beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den energie- und klimapolitischen Rahmenbedingungen für eine klimaneutrale Wärmeversorgung und begleitet die Transformation des Gebäudesektors hin zu erneuerbaren Energien.
Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen die Dekarbonisierung des Wärmesektors, die Elektrifizierung der Gebäudeversorgung sowie die Frage, wie sich Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit miteinander verbinden lassen. Dabei setzt sich der BWP insbesondere für verlässliche politische Rahmenbedingungen und den beschleunigten, qualitativ hochwertigen Einsatz von Wärmepumpen als Schlüsseltechnologie der Energiewende ein.
Im Rahmen unserer Interviewreihe „Gestalter:innen der klimaneutralen Wohnungswirtschaft“ haben wir mit ihm über die Rolle der Wärmepumpe im Gebäudebestand, die regulatorischen Rahmenbedingungen sowie die Zukunft einer erneuerbaren Wärmeversorgung gesprochen.
Herr Sabel, die Wärmewende gilt als einer der zentralen Hebel zur Dekarbonisierung des Gebäudesektors. Wo steht Deutschland aus Ihrer Sicht aktuell?
Deutschland steht bei der Wärmewende an einem Wendepunkt. Die gute Nachricht ist: Die Technologie ist da, die Industrie ist leistungsfähig, das Handwerk baut Kompetenz auf und die Wärmepumpe ist längst keine Nischentechnologie mehr. Sie ist die zentrale Effizienztechnologie für klimaneutrale Wärme im Gebäude. 2025 hat sich gezeigt, dass der Markt drehen kann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen: Erstmals wurden mehr Wärmepumpen als Gasheizungen verkauft. Das ist ein wichtiges Signal, aber noch kein Grund, sich zurückzulehnen.
Denn klar ist auch: Der Gebäudesektor verfehlt seine Klimaziele weiterhin und im Heizungskeller dominieren noch immer fossile Systeme. Genau deshalb brauchen wir jetzt keine neuen Grundsatzdebatten, sondern Umsetzungsgeschwindigkeit. Wer Klimaschutz, Versorgungssicherheit und bezahlbare Wärme zusammenbringen will, kommt an der Elektrifizierung des Wärmemarktes nicht vorbei. Wärmepumpen nutzen Umweltwärme, machen erneuerbaren Strom im Gebäude wirksam und reduzieren die Abhängigkeit von importierten fossilen Energien. Das ist energiepolitisch, klimapolitisch und industriepolitisch der richtige Weg.
Die Politik muss jetzt dafür sorgen, dass dieser Markthochlauf nicht wieder ausgebremst wird. Dafür braucht es verlässliche Förderung, einfache Verfahren, einen fairen Strompreis im Verhältnis zu Gas und Öl sowie klare Leitplanken im Gebäudemodernisierungsgesetz. Investitionsentscheidungen im Gebäudebestand werden nicht im Monatsrhythmus getroffen, sondern für Jahrzehnte. Wenn Industrie, Hauseigentümer, Wohnungswirtschaft und Handwerk verantwortungsvoll planen sollen, brauchen sie Stabilität.
Aus Sicht des BWP ist die Aufgabe deshalb eindeutig: Die Wärmepumpe muss zum Standard der klimaneutralen Wärmeversorgung werden – im Einfamilienhaus, im Mehrfamilienhaus und in Quartieren. Deutschland hat alle Voraussetzungen dafür. Jetzt kommt es darauf an, einen politischen Kurs zu halten und die Wärmewende konsequent umzusetzen.
Wärmepumpen spielen eine zunehmend wichtige Rolle bei der Dekarbonisierung des Gebäudesektors, der Fokus der öffentlichen Debatte liegt jedoch häufig auf Einfamilienhäusern. Welche Rolle werden Wärmepumpen künftig im Mehrfamilienhaus und in der Wohnungswirtschaft spielen?
Im Bestand ist die Wärmepumpe längst keine theoretische Option mehr, sondern eine praktische Lösung, auch wenn jedes Gebäude sorgfältig geplant werden muss. 85 Prozent der abgesetzten Wärmepumpen gingen 2025 in Bestandsgebäude. Die zentrale Herausforderung liegt nicht in der Technologie, sondern in der Umsetzung: niedrigere Systemtemperaturen, passende Wärmequellen, ausreichend Fachplanung, einfache Genehmigungen und faire Strompreise.
Gerade im Mehrfamilienhaus ist die Wärmepumpe kein Sonderfall, sondern ein Schlüssel für die klimaneutrale Wohnungswirtschaft und den langfristigen Werterhalt der Immobilie. Ob zentrale Anlagen, Kaskaden, hybride Übergangslösungen oder Quartierskonzepte: Die technischen Lösungen sind vorhanden. Jetzt geht es darum, sie zu standardisieren, zu skalieren und wirtschaftlich verlässlich zu machen.
Wie bewerten Sie den aktuellen Stand der Wärmepumpentechnologie im Zusammenspiel mit Photovoltaik, Batteriespeichern und intelligentem Energiemanagement?
Wir sind technologisch inzwischen an einem sehr spannenden Punkt: Die Wärmepumpe war nie nur ein Heizgerät, sondern einer ihrer entscheidenden Vorteile liegt in der Möglichkeit zu kühlen. Sie wird nun zunehmend Teil eines intelligenten Energiesystems im Gebäude. Im Zusammenspiel mit Photovoltaik, Batteriespeichern, Ladeinfrastruktur und Energiemanagement können Wärme und Kälte dann erzeugt werden, wenn Strom günstig, erneuerbar oder vor Ort verfügbar ist. Genau hier liegt der eigentliche Effizienzgewinn: Eine Wärmepumpe kann elektrische Energie sehr effizient in Wärme und Kälte umwandeln, thermische Speicher können Lasten verschieben und digitale Steuerungssysteme sorgen dafür, dass PV-Eigenstrom, Netzstrom, Speicher und Verbrauch sinnvoll zusammenspielen.
Für die Wohnungswirtschaft wird diese Sektorkopplung ein strategischer Schlüssel. Künftig geht es nicht mehr darum, Heizung, Allgemeinstrom, Mieterstrom, E-Mobilität und Netzdienlichkeit getrennt zu betrachten. Entscheidend ist das integrierte Betriebskonzept für das Gebäude oder das Quartier. Flexible Stromtarife schaffen dabei wirtschaftliche Anreize, Wärmepumpen in günstigen Zeitfenstern laufen zu lassen. Batteriespeicher helfen, PV-Erzeugung zeitlich besser zu nutzen und Lastspitzen zu reduzieren.
Noch wichtiger sind aber thermische Speicher und intelligente Regelung: Wärme lässt sich oft günstiger und robuster speichern als Strom. Wenn wir digitale Systeme Wetterprognosen, Strompreise, Netzsignale, Wärmebedarf und den Ladezustand der (Auto-)Batterie zusammenführen, wird aus der Wärmepumpe ein flexibler Verbraucher, der das Energiesystem stabilisiert, statt es zu belasten. Die Wärmewende wird dadurch nicht nur klimafreundlicher, sondern auch effizienter und wirtschaftlicher.
Die Energiekrise hat die Bedeutung von Versorgungssicherheit und Unabhängigkeit deutlich gemacht. Welche Rolle spielen Wärmepumpen für eine resilientere und weniger importabhängige Energieversorgung?
Die Energiekrise hat sehr deutlich gezeigt: Wärmeversorgung ist nicht nur Klimapolitik, sondern auch Sicherheitspolitik. Solange wir Millionen Gebäude mit importiertem Gas und Öl beheizen, bleiben Haushalte, Unternehmen und Staatshaushalte anfällig für geopolitische Krisen, Preissprünge und Lieferkettenrisiken. Die Elektrifizierung der Wärmeversorgung ist deshalb ein zentraler Resilienzbaustein. Sie verlagert den Energiebedarf weg von fossilen Importen hin zu einem zunehmend erneuerbaren, europäischen und dezentraleren Stromsystem. Jede effizient betriebene Wärmepumpe ersetzt fossile Brennstoffe durch Umweltwärme aus Luft, Erde oder Wasser und nutzt Strom mit einem sehr hohen Wirkungsgrad.
Wärmepumpen machen unser Energiesystem resilienter, weil sie heimische Umweltenergie nutzbar machen, den Gasverbrauch im Gebäudesektor senken und sich mit Photovoltaik, Speichern, Wärmenetzen und digitaler Steuerung kombinieren lassen. Das bedeutet keine Energieautarkie, Deutschland bleibt in europäische Energiemärkte eingebunden. Aber es bedeutet deutlich weniger Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern und volatilen Weltmärkten. Aus Sicht der Wärmewende ist das der entscheidende Punkt: Versorgungssicherheit entsteht künftig nicht durch das Festhalten an fossilen Strukturen, sondern durch Effizienz, Elektrifizierung, erneuerbare Energien und flexible Verbraucher. Die Wärmepumpe verbindet all das in einem System und ist deshalb eine Schlüsseltechnologie für eine klimaneutrale, bezahlbare und krisenfestere Wärmeversorgung.
Welche Verantwortung tragen Wohnungswirtschaft, Energiewirtschaft und Politik jeweils für eine sozialverträgliche Transformation?
Klimaschutz und bezahlbares Wohnen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Gerade im Mehrfamilienhaus entscheidet sich, ob die Wärmewende sozial akzeptiert wird. Wärmepumpen können langfristig helfen, Betriebskosten zu stabilisieren, weil sie fossile Brennstoffe, CO₂-Kosten und Preissprünge bei Gas und Öl reduzieren. Aber der Umstieg muss sauber geplant, effizient betrieben und fair finanziert werden. Entscheidend ist nicht allein die Investition, sondern die Warmmiete: Wenn Förderung, niedrige Betriebskosten und sinnvolle Modernisierungsumlagen zusammenwirken, bleibt klimaneutrale Wärme auch für Mieterinnen und Mieter bezahlbar.
Die Wohnungswirtschaft trägt die Verantwortung, nicht nur die Anlage auszutauschen, sondern das Gesamtsystem zu optimieren: Heizlast, Vorlauftemperaturen, hydraulischer Abgleich, Wärmeverteilung, Abrechnung und Betriebsführung müssen zusammengedacht werden. Die Energiewirtschaft muss dafür sorgen, dass Wärmepumpenstrom, Mieterstrom, flexible Tarife und Netzentgelte so ausgestaltet werden, dass effizientes und netzdienliches Verhalten auch wirtschaftlich belohnt wird. Und die Politik muss den Rahmen setzen: verlässliche Förderung, soziale Flankierung, faire Strompreise im Verhältnis zu Gas und Öl und klare Regeln für die Kostenverteilung.
Sozialverträgliche Transformation heißt: Die Investition darf nicht einseitig bei den Mieterinnen und Mietern landen, aber Nichtstun wäre am Ende die teuerste Lösung für das Klima, für die Versorgungssicherheit und auch für die Wohnkosten.
Wenn wir auf das Jahr 2045 schauen: Woran erkennen wir, dass die Immobilienwirtschaft ihre Klimaverantwortung erfolgreich wahrgenommen hat? Was wünschen Sie sich für die Branche in den kommenden zehn Jahren?
Bis 2045 erkennen wir den Erfolg nicht an einzelnen Leuchtturmprojekten, sondern daran, dass klimaneutrale Wärme im Gebäudebestand zum Normalfall geworden ist. Erfolgreich war die Immobilienwirtschaft dann, wenn fossile Heizungen weitgehend aus den Kellern verschwunden sind, Gebäude effizienter betrieben werden und Mieterinnen und Mieter verlässlich, bezahlbar und klimafreundlich mit Wärme versorgt werden. Entscheidend ist nicht nur die CO₂-Bilanz auf dem Papier, sondern die tatsächliche Betriebsrealität: niedrige Vorlauftemperaturen, optimierte Anlagen, transparente Verbrauchsdaten und ein professionelles Energiemanagement.
Für die kommenden zehn Jahre wünsche ich mir, dass die Branche vom Projektdenken ins Skalieren kommt. Wir brauchen standardisierte Sanierungspfade, serielle Lösungen für Mehrfamilienhäuser, mehr Mut zur Elektrifizierung und eine engere Zusammenarbeit zwischen Wohnungswirtschaft, Energiewirtschaft, Handwerk und Industrie.
Die Immobilienwirtschaft muss Klimaschutz als Teil von Werterhalt, Versorgungssicherheit und sozialer Verantwortung begreifen. Wenn es gelingt, Wärmepumpen, erneuerbare Energien, Speicher, Netze und digitale Steuerung konsequent zusammenzuführen, kann die Wohnungswirtschaft zu einem zentralen Treiber der Wärmewende werden, nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil es ökonomisch, sozial und klimapolitisch der richtige Weg ist.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Sabel.